OER? Wie? Was? - Bericht zur OER-Konferenz 2013

von Adrian Pohl

Letztes Wochenende war ich mit meinem Kollegen Jan Neumann auf der OER-Konferenz 2013 (#OERde13). OER steht für Open Educational Resources. Veranstaltet wurde die Konferenz von Wikimedia Deutschland unter der Schirmherrschaft der UNESCO, und das Ganze fand statt in der Kalkscheune in Berlin Mitte, die ich noch von der Open Knowledge Conference (OKCon) 2011 in bester Erinnerung hatte.

Die Konferenz war spitzenmäßig organisiert und jede Session von netten Wikimedianerinnen und Wikimedianern betreut. Zu jeder Session gab es ein Etherpad, das - mal mehr mal weniger - von den Teilnehmerinnen und Sessionleitern befüllt wurde. (Ich bin ja der Meinung, dass Etherpads eine sehr gute, weil leicht zu erlernende "Einstiegsdroge" für kollaboratives Arbeiten im Web sind.) Wunderbar war auch, dass - soweit ich das beurteilen kann - wirklich Repräsentanten aller für OER relevanten Bereiche auf der Konferenz waren. Vertreten waren: Lehrkräfte, Wissenschaft und Hochschulverwaltung, Erziehungswissenschaft, Management und Politik, Verlage, Bibliotheken, private OER-Initiativen (z. B. Leute von serlo, Lernfink), Landesbildungsserver, selbstverständlich jede Menge Leute aus dem Wikimedia-Umfeld und viele mehr. Es gab insgesamt drei verschiedene Veranstaltungsformate auf der Konferenz: traditionelle von einer Programmkommission ausgewählte Vortäge mit Diskussion, ein Speedlab und ein BarCamp.

Am Samstagvormittag ging es - nach den ersten Gesprächen beim morgendlichen Kaffee - los mit einer Keynote von Philipp Schmidt (Videoaufzeichnung). Der stellte die grundlegenden Errungenschaften des WWW heraus und die Chancen, die OER mit dem Web als Plattform uns biete, um ein offenes Bildungssystem zu gestalten, das die aktive Beteiligung der Lerner ermögliche. Dazu nannte Schmidt eine Menge Beispiele, einige aus seinen eigenen Projekten. Mir ist insbesondere die Geschichte des neunjährigen Jungens im Gedächtnis geblieben, mit der Philipp Schmidt seinen Vortrag beendete (ab 30:14). Diese Junge sich sehr für Pinguine interessiert und im Web mit anderen Interessierten in Austausch tritt, so dass er sich schließlich regelmäßig mit anderen Pinguin-Forschern an der Johns-Hopkins-Universität austauscht. (Denn: Im Internet weiß niemand, dass du ein Kind bist.)

Philipp Schmidt bei seiner Keynote (Foto: Agnieszka Krolik, CC-BY-SA )

Methodisch-Didaktisches

Es folgten drei Sessions mit jeweils fünf durch ein Programmkomitee ausgewählten Vorträgen. Ich habe mich zunächst mal auf das mir unbekannte Terrain der Didaktik begeben und den Vortrag der Professorinnen Kerstin Mayrberger und Sandra Hofhues besucht (Etherpad zur Session). Die Thematik war hier eher das Gebiet der Open Educational Practices als der Open Edication Resources. Es wurden drei Thesen zu Diskussion gestellt (siehe die Input-Folien zur Session). Ich habe aus der Diskussion mitgenommen, dass die Teilnehmer der OER-Konferenz, die sich ja mit dem Web und Computern wahrscheinlich recht gut auskennen, eher frustriert mit dem Tempo sind, in dem neue Technologien und die damit verbundenen neuen methodisch-didaktischen Möglichkeiten Einzug in den Unterricht erhalten. Bevor nicht ein Großteil der Lehrkräfte selbst die nötigen Kompetenzen besitzen, kann eben OER keinen Einzug in die Klassenzimmer erhalten...

OER-Repositories und -Suche

Die nächsten zwei Sessions habe ich auf Basis meines bibliothekarischen Hintergrunds gewählt und bin zur Session über das edu-sharing-Netzwerk, OER-metadaten und -Systematiken von Christian Lukaschik gegangen (Etherpad). Das Edu-Sharing-Netzwerk scheint mir der am besten durchdachte und am weitesten umgesetzte Ansatz für den Aufbau einer dezentralen OER-Repository- und -Discovery-Infrastruktur zu sein. edu-sharing ist ein e. V., der sich wie folgt darstellt: "Als gemeinnützige Gemeinschaft betreiben wir ein freies Netzwerk für Lern- und Wissensinhalte und bündeln Ressourcen für die Verfügbarkeit und Qualitätssicherung von Contents und freier Software." edu-sharing beauftragt die metaVentis GmnH für die Entwicklung für edu-sharing eine OER-Repository-Software (auf Basis von Alfresco), wobei edu-sharing etwa auch die Support-Anfragen der Mitglieder bündelt. Ziel ist es, ein OER-Repository-Netzwerk auf Basis der edu-sharing-Software aufzubauen. Ich frage mich, inwiefern dieses Netzwerk auf Webstandards basiert und damit auch den Beitritt anderer Repositories zum Netzwerk ermöglicht. (Idealerweise sollte ja das Web das OER-Netzwerk sein und nicht ein softwareabhängiges Netzwerk-im-Netzwerk.) Damit OER-Repositories in die Oberflächen der bereits an Schulen verwendeten E-Learning-Systeme eingebunden werden kann, entwickelt metaVentis auch Plugins für Moodle und andere E-Learning-Umgebungen. edu-sharing/metaVentis hat schon eine Menge Erfahrung im Bereich (O)ER-Metadaten gesammelt und bspw. auch NRW-Curricula so bearbeitet, dass sie für die Verschlagwortung nutzbar sind, damit Sucheinstieg und Kategorisierung nach den Kompetenzen eines Curriculums möglich werden.

Als nächstes habe ich mir die Session von Lothar Palm zu learn:line NRW angeschaut, um die bisherigen Ansaätze zur Recherche nach Bildungsmaterialien besser zu verstehen. Dafür gibt es die Landesbildungsserver, die den Lehrkräften ihres Bundeslandes Recherche nach Bildungsressourcen (OER, nicht-offen lizenzierte, exklusiv für Lehrkräfte) ermöglichen. Das Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) bietet darüber hinaus mit dem Deutschen Bildungsserver und der Suchmaschine Elixier eine Recherche u.a. über die aggregierten Daten der Landesbildungsserver an. Für Nordrhein-Westfalen wird die Recherche in Form der learn:line NRW angeboten, die technisch auf Basis der edu-sharing-Software bzw. dessen Discovery-Modul läuft. Zwar befinden sich im index von learn:line NRW mit ca. 25.000 Lernobjekten im Vergleich zur Bibliothekswelt (noch) recht wenige Ressorucen-Metadaten, allerdings kommen diese von einer Menge verschiedener Anbieter, was den Aufbau und den Betrieb des Portals nicht gerade erleichtert. Schließlich ist das Aggregieren von Daten verschiedener Anbieter, das Normalisieren und Indexieren mit einer Menge Aufwand verbunden. Ich habe am Ende der Session mal nachgefragt, ob es bereits Überlegungen gab, die learn:line-Daten unter einer offenen Lizenz für andere zur Wiederverwendung bereitszustellen. Diese Überlegungen gab es und offensichtlich wurden auch Experten zu dem Thema befragt. Die Nutzungsbedingungen, die die verschiedenen Anbieter mit der Datenlieferung verbinden, würden aber laut Aussage von learn:line-NRW-Vertretern keine Freigabe zulassen. Für mich war diese Erfahrung der Grund, das Thema "Offene OER-Metadatenökologie" in meiner Barcamp-Session am Samstagnachmittag in den Vordergrund zu stellen (Wie mein ursprünglicher Sessionvorschlag zeigt, wollte ich eher auch auf LRMI als Standard eingehen und herausfinden, welche relevanten Systematiken es im Bildungsbereich gibt.). Denn, wenn jetzt am Anfang die Weichen richtig gestellt werden, gibt es später keine Arbeit damit, noch mehr Leute von Open Data zu überzeugen.

Es folgte ein kurzes Intermezzo in Form eines - womöglich vom Speeddating inspirierten - Speedlabs. Dabei gabe es die Möglichkeit, von anderen europäischen Ländern zu lernen und sich deren OER-Ansätze und -Plattformen anzuschauen. Ich habe mir das tolle niederländische Wikiwijs angeschaut, das u. a. auch ein integriertes Remix-Tool anbietet und ansonsten meine Barcamp-Session vorbereitet.


Warten auf die Vorstellung einer Barcamp-Session (Foto: Agnieszka Krolik, CC-BY-SA)

Auf dem Weg zu einer offenen OER-Metadatenökologie

Am Samstagnachmittag habe ich dann die Session zum "Aufbau einer offene OER-Metadatenökologie" angeboten. Teilgenommen haben etwa 12 Personen, darunter interessierte OER-Plattformenbauer sowie ein Vertreter vom Landesbildungsserver Berlin-Brandenburg, einer von edu-sharing,. Für Sessionnotizen siehe das Etherpad unter https://etherpad.wikimedia.org/p/oercamp13-1-18. Ich habe einen kleines einleitendes Referat zu den Bestandteilen und Vorteilen einer offenen Metadatenökologie gehalten, siehe die Folien. Im Anschluss ging es vor allem um Systematiken und kontrollierte Vokabulare (Schulformen und -fächer sowie Curriculum-basierte Verschlagwortung). Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren so interessiert, dass es am Ende Beifall gab und eine Nachfolgesession am Sonntag gewünscht wurde. Ich wollte mich zunächst nicht drauf festelgen, weil meine Verfassung nach dem ersten Konferenztag nicht gerade die beste war. (Ich kam mir vor, als hätte ich zwei Konferenztage in einem erlebt, weil das Programm ja sehr dicht war und in der Pause jede Menge Gespräche über Dinge anstanden, mit denen ich noch nicht sonderlich vertraut war...)
Dennoch habe ich dann in der ersten sonntäglichen Sessionrunde eine Fortsetzung angeboten, die nur von fünf bis sechs Leuten besucht war. Am Ende waren sich alle Anwesenden einig, dass eine Vernetzung der im OER-Metadatenbereich Aktiven über die Konferenz hinaus sinnvoll sei. So habe ich die E-Mail-Adressen der interessierten Leute eingesammelt und werde bei der DINI-KIM AG vorschlagen, Mailingliste und Wikibereich für OER-Metadaten einzurichten. (Wer noch Interesse hat und mir noch nicht bescheid gegeben hat, hinterlasse einen Kommentar unter diesem Beitrag oder schreibe eine E-Mail an mich (pohl[at]hbz-nrw.de).

Zum Abschluss der Konferenz habe ich noch die Beiträge von Stephan Suwelack ("Autoren als Marke") und dem geschätzten Kollegen Lambert Heller besucht. Leider kann ich da jetzt nicht weiter drauf eingehen, weil ich in mein (verlängertes) Wochenende muss, diesen Beitrag aber noch diese Woche veröffentlichen möchte. Die abschließende Keynote von Neil Butcher habe ich leider nicht mehr gehört. Zum Glück gibt es eine Aufzeichnung online.

Vielen Dank an die Organisatorinnen und Organisatoren der OER-Konferenz 2013, an das Programmkomitee und an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer für die vielen interessanten Gespräche und Diskussionen.

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